Wenn Hilfe einfach nicht ankommt und es auch darauf nicht ankommt

 

 

 

 

Ich habe einen Kassandra-Komplex. Schon mein ganzes Leben lang sehe ich klar&deutlich wo andere stehen, wo ihre Probleme und Blockaden sind- und es hört meistens niemand auf mich.

 

Durch das Erwachen ist diese Fähigkeit leider (?) noch stärker geworden. Ähnlich wie der kleine Junge im Film 'The sixth sense', sehe ich zwar keine toten Menschen- aber ich sehe die Leichen in den psychischen Kellern von Lebenden- ohne ihnen auch nur im Geringsten helfen zu können.

 

Das liegt einerseits daran, dass die Menschen, an die ich beim Schreiben dieser Zeilen denke Austern sind- hermetisch verschlossen und mit aller Kraft sich weigernd, dem Offensichtlichen ins hässliche Auge zu sehen. Andererseits liegt es daran, dass man niemandem helfen kann.

 

Beide Gründe sind im Prinzip ein einziger.

 

Was will da helfen? Das absolute Bewusstsein, dass ich in Wahrheit bin? Sicher nicht. Es ist unser kleiner Freundfeind Ego. Ego will helfen, damit es sich machtvoll, wichtig und groß vorkommt. Aber Ego ist ein Geist, eine Illusion. Man kann sagen da versucht ein Geist einem anderen Geist zu helfen, obwohl in Wahrheit niemand da ist.

 

Das höchste der Gefühle ist, dass man Hinweise geben kann, Jemandem ein Werkzeug hinhalten, in der Hoffnung, dass es ergriffen und sinnvoll benutzt wird. Wenn man z.B. Jemand trifft, in dem Bewusstsein versucht sich selbst zu wecken, kann man Hinweise geben- diese werden aber nur und ausschließlich dann 'helfen' wenn da eben Bewusstsein dahinter steht, was dabei ist, sich aus dem Sumpf des Tiefschlafs in die Wachheit zu kämpfen. Und der Hinweis dafür jetzt gerade genau der ist, der gebraucht wird.

 

Anders gesagt: Ich kann als Wegweiser fungieren- ob und wie und wann jemand dem Pfeil in die angezeigte Richtung folgt, liegt aber absolut nicht in meiner Macht.

 

Ganz egal, bei was Du nun versuchst zu helfen- es ist immer genau so wie beschrieben. Du kannst nur Werkzeuge hinhalten und dazu einladen, sie zu benutzen. Wenn Dein Gegenüber den Hammer nicht bereit ist in die Hand zu nehmen und damit zu arbeiten, kannst Du nichts dagegen tun. Gar nichts.

 

Das einzusehen ist mitunter sehr schmerzhaft. Es kann einen wirklich zur Verzweiflung bringen oder auch sehr hilflos und damit eventuell wütend oder deprimiert stimmen.

 

Ja, es ist leider genau so hoffnungslos, wie es klingt.

 

Mein eigenes Knabbern an dieser Krux bringt noch nicht viel zu Tage. Aber ich weiß, es geht für mich aktuell genau darum- noch mehr Akzeptanz zu üben, noch mehr loszulassen, noch weniger eingreifen zu wollen.

 

Das bisschen 'Gold' was ich bisher gefunden habe und Dir an die Hand geben kann ist:

 

  • Mach Dir klar, weshalb Du hilfst oder helfen willst.

  • Mach Dir die Hoffnungslosigkeit des Unterfangens bewusst. Den Umstand, dass du vollkommen machtlos bist und wenn überhaupt nur ein Wegweiser sein kannst.

  • Sei Dir bewusst, dass ob Du nun hilfst oder nicht, ob die Hilfe 'fruchtet' oder nicht, es nur genauso sein kann, wie es ist. Da ist niemand, der entscheidet zu helfen oder Hilfe anzunehmen oder abzulehnen. Weder gibt es Dich, noch den anderen. Da ist kein freier Wille und keiner der irgendetwas tut. Dinge geschehen einfach oder einfach nicht. Und wenn sie trotz all Deiner Mühen nicht geschehen, sich nichts zum vermeintlich 'Besseren' wendet, so gab es keine andere Möglichkeit und dennoch hast Du getan, was Du tun musstest. Und es somit immerhin versucht. Und alles ist genau wie es nun mal sein soll bzw. so wie es nur sein kann.

 

 

 

Wenn dann alle Mühen, alle Hilfsversuche und Hinweise nichts gebracht haben und Du nicht anders kannst, als aufzugeben, es sein zu lassen. Dann kann sich das noch in verschiedener Weise manifestieren:

 

  • Der Kontakt zu der Person, der Du helfen wolltest bricht ab. Z.B. weil Du es nicht aushältst ihr weiter bei ihrem selbstzerstörerischen Verhalten hilflos zuzuschauen oder weil Du realisierst, dass Deine Hilfsversuche Teil des Problems sind. Eventuell ist es nämlich so, dass Du mit der Person am Beckenrand stehst und sie Deine Anwesenheit dafür nutzt, mit Dir unendliche Debatten über das Für und Wider des Reinspringens zu führen- was genau der Grund dafür ist, weshalb sie nicht schon längst gesprungen ist...

  • Der Kontakt bleibt bestehen, verändert sich aber, weil das Interesse, die Intention sich verändern. Was würdest Du mit der Person anfangen, wenn Du ihr nicht mehr versuchen würdest zu helfen? Gibt es ein anderes Interesse an dem Kontakt?

  • Kannst Du es aushalten, einfach nur da zu sein? Der Person einfach nur Deine volle Aufmerksamkeit zu schenken, sie so anzunehmen und zu lieben, wie sie ist? Ohne bewusst oder unbewusst an ihr irgendwas verändern zu wollen? Bist Du stark genug dafür? Stark genug, die eigene Machtlosigkeit zu ertragen? Kannst Du die Schönheit Deiner eigenen Imperfektion sehen und lieben? Kannst Du die Schönheit der Imperfektion des anderen sehen und lieben?

  • Welcher Teil in Dir denkt, dass da etwas falsch ist, verbesserungswürdig? Wer maßt sich an, etwas reparieren zu wollen, in den natürlichen Fluss allen Seins eingreifen zu wollen? Woher weißt Du überhaupt, dass ein Eingriff wirklich irgendwas verbessern würde? Wer sagt Dir, dass sich dadurch nicht Dinge verschlimmern würden?Wer bist Du zu entscheiden, wie jemand zu sein hat? Wie sein oder ihr Weg auszusehen hat?

 

 

 

Schau Dir das alles in Ruhe und mit Ehrlichkeit an. Was immer Du findest, lass es los. Und dann sei einfach da oder auch nicht, je nachdem, was sich richtig anfühlt für Dich.

 

Es gibt keine Fehler.

 

Ja, aber warum denn dann überhaupt jemand helfen, fragst du Dich vielleicht jetzt.

 

Auch helfen wollen ist kein Fehler.

 

Es kann lediglich sein, dass es bei dem helfen wollen eigentlich um etwas ganz anderes geht, als Du oder ich oder sonst wer denkt.

 

Ein guter Hinweis, um herauszufinden worum es geht, sind die oben beschriebenen Fragen. Check Deine Intention. Weshalb möchtest Du Helfen, ganz ehrlich? Und noch viel wichtiger: Was ist, wenn die Hilfe nicht hilft oder vielleicht sogar abgelehnt, nicht gedankt wird etc.? Was macht das dann mit Dir? Ärgert Dich das oder kannst Du respektieren, dass Dein Gegenüber vielleicht etwas ganz anderes hilfreich empfinden würde? Wenn es Dich ärgert, hast Du eine Gegenleistung erwartet in irgendeiner Form- die subtilste Form, die ich bisher bei mir ausmachen konnte ist die Erwartung, dass die Hilfe hilft. Also, dass ich nach einem gewissen Zeitraum 'Resultate' sehe, die ich als Anzeichen für eine Entwicklung zum Besseren werten würde. Die offensichtlichste ist, dass viele Menschen sich Dankbarkeit erwarten, wenn sie helfen. Damit bin ich schon längst durch- aber helfen soll die Hilfe wohl schon noch...

 

Ein anderer Indikator für eine intentionale Schieflage ist ein Gefühl von Kontraktion. Wenn es eng wird, krampfig, angespannt- das ist ein klarer Hinweis auf sowas wie ein inneres 'ich will ich will ich will' – z.B. dass die Hilfe funktioniert, etwas bringt.

 

Statt nun die Anstrengungen zu verstärken und alles noch krampfiger zu machen, versuche ich inzwischen neue Wege zu denken. Das im Denken überhaupt erst mal zuzulassen. Also z.B. einfach mal in Erwägung zu ziehen, meine Hilfe einzustellen. Und zu gucken, was dann übrig bleibt. Wäre ohne die Hilfe noch Interesse an Kontakt da? Ist die andere Person ein Projekt, mit dem sich Ego wieder groß und stark fühlen kann, wenn die 'Optimierung' des anderen gelingt? Oder ist da ein tiefer gehendes Interesse, eine Zuneigung für die andere Person, ganz gleich, ob sie sich ändert oder so bleibt? Kann ich sie so sein lassen, wie sie ist oder muss ich dafür den Kontakt abbrechen, weil ich mich nicht mit ihr, so wie sie ist umgeben möchte?

 

Kann mein Herz weiter werden, sich in totaler Akzeptanz und bedingungsloser Liebe üben oder ist Ego noch zu stark, die Gewohnheit, dass, was ich sehe unbedingt anderen mitteilen zu wollen, auf das sie es selbst sehen noch zu ausgeprägt?

 

Gibt es vielleicht andere Gründe für diese Klarsicht? Ist diese Fähigkeit vielleicht einerseits ausbaufähig, so dass ich auch noch besser sehen kann, wer für meine Nachrichten überhaupt empfänglich ist und wer nicht? Oder dient sie vielleicht einzig und allein dem Zweck die Perfektion in der Imperfektion zu sehen und dann auch genau so zu lieben? Ich weiß es noch nicht genau, aber bin zuversichtlich, dass ich es wissen werde, wenn die Zeit reif dafür ist.

 

Du siehst, auch nach dem Aufwachen gibt es jede Menge zu entdecken, zu erkennen. Es hört nicht auf, sich zu vertiefen und zu entfalten, das Schauen und das Erkennen. Neue Rätsel warten an jeder Ecke, solange man lebt. Und Ego versucht immer wieder aufs Neue, seinen Fuß in die türlose Tür zu kriegen.

 

Und auch das ist genau so, wie es sein soll.

 

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